Geile Zeit! von Kay Synwoldt

Geile Zeit! von Kay Synwoldt

Geile Zeit!

Dauernd dieses Gemeckere über all die Sorgen und Nöte. Ja wir hatten einen Mail-Schlagabtausch und irgendwie kam es dazu und ich fragte Kay:
"Was wäre, wenn wir schlechte Vibes mit einem Schlag vergessen könnten? Hätten wir dann eine geilere Zeit und am Ende sogar mehr Spaß am Angeln? Lest im folgenden von Carp in Focus Chefredakteur Kay Synwoldt über die zwei Seiten der Medaille. Eventuell hast du ja auch schon mal darüber nachgedacht ;-)

Viel Spaß, max nollert

Jeder kennt die Szene aus der Science-Fiction-Komödie „Men in Black“, in der Will Smith die Umstehenden auffordert, den von ihm hochgehaltenen Stab anzuschauen. Es folgt ein kurzer Lichtblitz – schon haben diejenigen, die keine dunkle Sonnenbrille tragen, alles zuvor Gesehene vergessen.

In dem bekannten Hollywood-Blockbuster sind es Dinge über Aliens, die nicht jeder wissen sollte, Dinge, die normale Menschen wahrscheinlich überfordern. Die Umstehenden im Film wurden also zu ihrem eigenen Schutz geblitzdingst.

Eine feine Sache. Denn was wäre, wenn ich mit einem Blitz tatsächlich vorheriges Elend vergessen könnte, ich mich quasi in meiner unbeschwerten Jugend wiederfinden würde?

Würde ich dann freiwillig ohne Sonnenbrille in das Licht schauen und alle Erfahrungen löschen?

Einerseits blicke ich manchmal ein wenig neidisch auf Jugend, die so herrlich wenig weiß.

„Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel", soll der britische Philosoph Bertrand Russell einmal gesagt haben. Da ist etwas Wahres dran.

Wie unbeschwert und wie geil muss das Leben sein, wenn man keine Vorstellung von den Zusammenhängen und Verpflichtungen hat, mit denen man sich im späteren Leben wird herumschlagen müssen? Stattdessen den ganzen Tag von Dingen träumen, die mit entsprechendem Abstand betrachtet zwar völlig unrealistisch sind, die einen aber wenigstens an etwas glauben lassen. Ohne die ganzen Zweifel. Ein gutes Gefühl. Als wäre man unsterblich, die ganze Welt scheint einem zu Füßen zu liegen.

Aber ist es so einfach, hängt der Himmel ohne Wissen wirklich voller Geigen?

Wenn ich an meine Jugend zurück denke, war ich ohne Frage ziemlich naiv und habe mir wenig Gedanken über die Zukunft gemacht. Dementsprechend wenig Energie habe ich verwendet, um mir mein Hirn über die heute wichtigen Fragen zu zermartern. Dafür gab es andere Probleme. Aus heutiger Sicht Lappalien. Zur betreffenden Zeit sah ich das naturgemäß anders.

Andererseits denke ich heute mit beinahe Mitte fünfzig: So naiv wie damals möchte ich nie wieder sein – selbst wenn ich dafür als Bonus wieder mehr Zeit zum Angeln bekäme. So wie früher.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Es gibt immer zwei Seiten. Mindestens.

Unbestritten ist: Meine aufgrund vieler Erfahrungswerte wesentlich nüchterne Betrachtungsweise vieler Dinge raubt einen großen Teil des Zaubers, den ich einst spürte. Auch beim Angeln. Da machen (zu) viele Wahrheiten das Hobby kaputt. Ein großer Teil der Spannung, des Fiebers macht Platz für bittere Realitäten. Früher habe ich ganz fest an so manch einen dicken Fisch geglaubt, ohne ihn jemals zu fangen. Vermutlich war er nie da. Heute weiß ich dank Unterwasserkamera vorher, dass mein vorher hinein geworfenes Futter nicht gefressen wurde und ich wohl einen Blank kassieren werde.

Ist es besser, die Wahrheit zu kennen, oder ist man glücklicher, wenn man dumm stirbt? Also lieber keine Unterwasserkamera?

Oder wie wäre es damit: Noch einmal jung sein – mit dem Wissen von heute?

Also nix geblitzdingst, nur den körperlichen Verfall zurückgedreht. Das stelle ich mir durchaus erstrebenswert vor. Mit der Weisheit von heute würde man viele Fehler nicht wiederholen. Dann stünde einem die Welt offen. Nicht zuletzt, weil man weniger Lebenszeit für unsinnige Dinge verplempern würde.

Oder in die Zukunft geschaut: Wie geil muss es sein, endlich die Rente durch zu haben und nicht mehr für jeden Cent den Bückling zu machen? Dann könnte man sein Leben unbeschwerter genießen.

Wenn du Rentner mit eben diesen Vorteilen konfrontierst, sagen sie dir sinngemäß immer das Gleiche: „Alles schön und gut mit der Rente. Der Nachteil ist, dann bist du alt und gebrechlich.”

Tja – da stehst´e dann und weißt auch nicht mehr weiter. Wann ist denn jetzt die geilste Zeit?

Vielleicht sogar jetzt? Ich kann es nicht eindeutig beantworten. Denn irgendwie haben wir ja immer etwas zu meckern.

Kay Synwoldt

Und auch hier die Frage und das Statement in die Runde: 
Wann ist das Leben am schönsten? Immer jetzt! Was war ist vorbei, was kommt wissen wir nicht. Genieße den Augenblick! Tight lines, max nollert